Pflege betrifft nicht nur einzelne Familien. Sie betrifft die gesamte Gesellschaft, die Kommunen und auch die Politik. Genau darüber spricht Florence Hilfe in dieser Folge von Florence Friday mit Christian Pakusch, dem Bürgermeister der Stadt Willich. Die Stadt Willich führt Christian Pakusch offiziell als Bürgermeister; er ist seit November 2020 im Amt.
Florence Hilfe: Herr Pakusch, Pflege betrifft nicht nur Betroffene und Angehörige, sondern auch die Politik. Wie präsent ist das Thema in Willich?
Christian Pakusch: Das Thema ist sehr präsent. Ich gratuliere Bürgerinnen und Bürgern ab 80 Jahren zum Geburtstag. Bei rund 50.000 Einwohnerinnen und Einwohnern in Willich sind das fast 4.000 Menschen. Das zeigt schon, wie groß diese Altersgruppe ist.
Die medizinische Versorgung in Willich ist wieder richtig gut. Was die Ärzteversorgung angeht, sind wir zufrieden. Gleichzeitig ist Pflegebedürftigkeit mehr als medizinische Versorgung. Wir erleben regelmäßig, dass Seniorinnen und Senioren gerade am Wochenende keine Hilfe haben. Dann wird manchmal der Krankenwagen gerufen, obwohl es nicht immer ein klassischer Notfall ist, sondern etwas, das die Menschen belastet. Deshalb ist Unterstützung im Alltag ein sehr wichtiges Thema.
Florence Hilfe: Welche Rolle spielen ambulante Pflegedienste bei der Versorgung älterer Menschen in Willich?
Christian Pakusch:
Eine sehr große Rolle. Natürlich übernehmen viele Angehörige Pflege selbst. Sie kümmern sich um Eltern, Großeltern oder andere Menschen, die Unterstützung brauchen. Aber zur Wahrheit gehört auch: Angehörige müssen flexibel bleiben. Sie arbeiten, sie brauchen Erholung, sie möchten vielleicht auch einmal Urlaub machen.
Deshalb ist Kurzzeitpflege ein sehr großes Thema. Ambulante Pflege unterstützt aber auch ganz konkret im Alltag. Es geht nicht nur um gesundheitliche Fragen, sondern auch darum: Wie komme ich an meine Einkäufe? Habe ich regelmäßig jemanden, der vorbeikommt? Für viele ältere Menschen ist das auch ein wichtiger Faktor gegen Einsamkeit. Wenn morgens jemand kommt, hilft und kurz spricht, kann das sehr viel bedeuten.
Florence Hilfe: Genau diese kleinen, regelmäßigen Hilfen werden oft unterschätzt. Zum Beispiel die Medikamentengabe.
Christian Pakusch:
Ja, das stimmt. Gerade solche Dinge werden häufig vergessen. Dabei ist es wichtig, wenn jemand zumindest morgens da ist und unterstützt.
Florence Hilfe: Welche konkreten Maßnahmen hat Willich ergriffen, um die Pflegesituation nachhaltig zu verbessern?
Christian Pakusch: Ich könnte jetzt viel darüber erzählen, was die Stadt gemacht hat. Aber ich muss klar sagen: Viele Pflegedienstleister sind auf uns zugekommen und haben gesagt, dass sie am Standort Willich etwas anbieten möchten. Dieses Angebot ist in den vergangenen Jahren gewachsen.
Ein wichtiges Stichwort ist Kurzzeitpflege. Sie unterstützt auch Angehörige, weil man zwar den Eltern, Großeltern oder anderen nahestehenden Menschen helfen möchte, aber gleichzeitig selbst unabhängig bleiben muss. Deshalb ist es wichtig, dass es Kurzzeitpflegeplätze gibt. Da darf es aus meiner Sicht gerne noch mehr geben.
Aber ich würde schon sagen: Dass sich hier einiges entwickelt hat, lag stark an den Dienstleistern und nicht allein an der Stadt.
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Weitere InformationenFlorence Hilfe: Wo liegen aus Ihrer Sicht die Grenzen der kommunalen Politik beim Thema Pflege?
Christian Pakusch: Ich finde es schade, dass Pflege oft ein Randthema ist – in der Ausschussarbeit auf kommunaler Ebene, aber auch auf Kreis- und höheren Ebenen. Es gibt viele Initiativen, Gesetze und Rahmenbedingungen. Aber diese Rahmenbedingungen müssen mit Leben gefüllt werden. Als Kommune können wir schauen: Wo gibt es Räumlichkeiten, die wir Pflegedienstleistern zur Verfügung stellen können? Wo können wir mit Kooperationspartnern vielleicht gemeinschaftlich etwas Neues errichten?
Aber ganz klar: Was Pflege angeht, kann eine Kommune vor allem Rahmenbedingungen setzen. Viel mehr ist auf kommunaler Ebene oft nicht möglich.
Florence Hilfe: Wenn es um Arbeitsplätze in der Pflege geht: Was kann Politik tun, gerade angesichts von Fachkräftemangel und Pflegenotstand?
Christian Pakusch: Deshalb sitze ich auch hier. Ich möchte zeigen, dass mir das Thema am Herzen liegt, und dafür werben, dass Menschen sich beruflich in Richtung Pflege orientieren.
Ich habe schon in verschiedenen Berufsfeldern Praktika gemacht, um mir Berufsgruppen wirklich anzuschauen. Auch in der mobilen Pflege habe ich bereits ein Praktikum gemacht. Pflege ist eine anspruchsvolle Arbeit. Man kommt Menschen sehr nahe. Das muss man wollen und können. Gleichzeitig muss sich auch die andere Seite darauf einlassen.
Viele Menschen, die gepflegt werden, haben zunächst Hemmungen, eine fremde Person in ihre Wohnung zu lassen. Gleichzeitig ist Pflege körperlich und emotional kräftezehrend. Man sollte vor Augen haben, dass Pflege ein echtes Handwerk ist und viel Kraft kostet.
Aber es ist auch eine Tätigkeit, bei der man Menschen hilft. Dieser Wunsch, anderen zu helfen, ist aus meiner Sicht ganz wichtig, wenn man in der Pflege arbeitet.
Florence Hilfe: Was wird beim Thema Pflege häufig unterschätzt?
Christian Pakusch: Ich glaube, wir alle müssten uns vor Augen halten, dass Pflege uns selbst irgendwann betreffen kann – und manchmal auch schneller, als man denkt. Viele verbinden Pflege vor allem mit hohem Alter. Aber auch nach einer schweren Erkrankung oder einer Reha-Maßnahme kann man plötzlich Unterstützung brauchen.
Was aus meiner Sicht ebenfalls unterschätzt wird, ist die Dokumentation. In meiner früheren Tätigkeit war ich in vielen Pflegeeinrichtungen unterwegs. Was Mitarbeitende dort oft frustriert, ist die Bürokratie. Wenn mehr Zeit für Dokumentation aufgebracht werden muss als für die Pflege am Menschen, läuft etwas schief.
Florence Hilfe: Hatten Sie persönlich schon Berührungspunkte mit Pflege?
Christian Pakusch: Ja, definitiv. Ich hatte viele Jahre das Glück, meine Großeltern zu erleben – alle vier. Ich hatte sogar über 20 Jahre noch eine Urgroßmutter.
Irgendwann kommt aber das Alter, in dem man merkt: Oma und Opa können nicht mehr alles allein. Meine Eltern haben da sehr viel aufgefangen, und davor habe ich großen Respekt. Aber es gibt auch den Punkt, an dem man sagen muss: Das sind deine Eltern, deine Mutter, dein Vater – aber auch die nächste Generation muss auf sich achten.
Ich habe meinen Eltern gesagt: Passt bitte auf euch auf. Wir müssen schauen, dass wir Unterstützung bekommen. Dann haben meine Eltern für meine Großeltern auch mit Pflegediensten zusammengearbeitet. Ich glaube, man ist sehr dankbar, wenn man diese Alltagshilfe hat. Denn irgendwie muss man den eigenen Alltag auch noch stemmen und Geld verdienen.
Florence Hilfe: Was würden Sie Angehörigen mitgeben, die sich mit Pflege beschäftigen müssen?
Christian Pakusch: Das ist sehr subjektiv. Aber ich würde sagen: Sich darauf einzulassen. Offen dafür zu sein, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Es ist nichts Verpöntes. Wenn Hilfe entlastet und unterstützt, dann ist sie richtig.
Viele Menschen reagieren zu spät. Dann sind die Helferinnen und Helfer im Umfeld oft schon am Limit. Deshalb ist es sinnvoll, sich früher Unterstützung zu holen und einfach einmal bei einem ambulanten Pflegedienst nachzufragen, wie Hilfe konkret aussehen kann.
Florence Hilfe: In Willich gibt es kein eigenes Krankenhaus mehr. Welche Bedeutung hat das für die Versorgung?
Christian Pakusch: Die Entscheidung zur Schließung wurde 2013 von den damaligen Trägern getroffen. Das war zunächst ein großer Schock in der Gesellschaft. Gleichzeitig erleben wir solche Entwicklungen inzwischen an vielen Orten.
Ob es am Ende nicht sogar die richtige Entscheidung war, kann ich nicht abschließend beurteilen. Je kleiner eine Klinik ist, desto schwieriger wird es, alle Fachrichtungen vorzuhalten. Um Willich herum gibt es Krankenhäuser in Neuwerk, Viersen und Krefeld, die gut erreichbar sind.
Wichtig ist, dass das Rettungswesen gut funktioniert und ausreichend Mitarbeitende da sind. Daran wurde viel gearbeitet. Am Ende kann es im Notfall um Minuten gehen.
Fazit: Ambulante Pflege in Willich braucht Nähe, Verlässlichkeit und frühe Unterstützung
Das Gespräch mit Christian Pakusch zeigt: Ambulante Pflege in Willich ist weit mehr als medizinische Versorgung. Sie bedeutet Alltagshilfe, Entlastung für Angehörige, Sicherheit für Pflegebedürftige und oft auch Schutz vor Einsamkeit.
Für Familien ist besonders wichtig: Hilfe sollte nicht erst dann organisiert werden, wenn alle Beteiligten bereits überlastet sind. Ein ambulanter Pflegedienst kann frühzeitig beraten, unterstützen und gemeinsam mit Angehörigen prüfen, welche Leistungen sinnvoll sind.
Florence Hilfe steht Menschen in Willich und Umgebung als Ansprechpartner zur Seite, wenn Pflege zu Hause organisiert werden soll – menschlich, nah und mit Blick auf den tatsächlichen Bedarf im Alltag.
